16. Mai 2013

Regenschirm bei Sonnenschein

Heute vor 225 Jahren kam Friedrich Rückert zur Welt. Zeit für Gedichte. Wobei, ich ziehe Vollkornbrot einem Sahneschnittchen vor. Deshalb in Erinnerung an einen zu früh Verstorbenen: Jörg Fauser - Trotzki, Goethe und das Glück...

Gestern hörte ich beiläufig, dass auf dem Schwarzen Berg demnächst der heisseste Sommer seit Aufzeichnung der Wetterstatistiken losbrechen soll. Dieser Mai ist angeblich der verregnetste seit Menschengedenken. Ich kann diese merkwürdigen Wettererklärungen bald nicht mehr hören. Es ist wie es ist.
Und was das "Menschengedenken" betrifft, da lege ich bestenfalls meine Stirn in Falten und sage: Nanu! Denn auf eine genaue Erinnerung vertraue ich schon lange nicht mehr. Das Vergessen scheint den Menschen besser zu gelingen. Derzeit haben Banken ein schlechtes Image. Warum erst derzeit? Will sich denn niemand daran erinnern, dass Banken seit ihrer Erfindung vor hunderten von Jahren an immer "nur unser Bestes wollen". Mit diesem Spruch warb vor über dreissig Jahren die untergegangene und fast schon vergessene Dresdner Bank. In meinem Weltbild sind Banken die bösartig wuchernden Geschwüre in einer an sich gesunden einer Gesellschaft. Von einem spätmittelalterlichen Dienstleister sind sie zu lebensgefährlichen Parasiten geworden. Ich vermute, dass es einer der schwereren Fehler der katholischen Kirche gewesen ist, für den Stand der christlichen Wucherer und Geldwechsler als Nebelreich zwischen Himmel und Hölle das vorübergehende Fegefeuer zu erfinden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg empfahl eine US-amerikanische Kommission (O.M.G.U.S.) die Zerschlagung deutscher Grossbanken, die den bis dahin grausamsten Krieg massgeblich (vor-)finanziert hatten. Wer den Kredit  plus Zinsen zurückzahlte, blieb unzähligen Menschen offensichtlich nur kurz im Gedächtnis. Die Mitglieder jenes Untersuchungsausschusses waren beileibe keine Kommunisten. Muss man auch nicht sein. Jedem normal empfindenden Menschen wird doch schlecht, wenn er sieht mit welch überheblichem und raffgierigem Geschäftsgebahren sich Banken in einer Gesellschaft aufführen und präsentieren. 
Die Mitarbeiterin, die in ihrem Supermarkt einen Yoghurtbecher mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum aus der Mülltonne nimmt, verliert ihren Arbeitsplatz. Wer Geld in Unmengen zusammenrafft, wird allgemein um seines Fleisses Willen bewundert. Dabei kann sich jeder mit etwas gesundem Verstand begabte Mensch ausrechnen, dass man durch Fleiss allein nie zu den Reichen und Mächtigen gehören wird. Kein Wunder, dass immer wieder junge Menschen dem eitlen Schein des Geldes auf widerlichste Art verfallen.
Mir ist jeder Besitzer eines kleines Ladens verehrungswürdiger, der von morgens bis abends hinter der Theke steht und seine Kunden mit Nützlichem  gut bedient. Ich bedaure jeden geschlossenen Kiosk mehr als eine Bank, die wirklich Pleite macht.. Es ist ein Irrtum, dass man haufenweise Geld scheffeln könne, ohne Anstand und Moral an der Garderobe abzugeben. Den Backstage-Pass in die Hinterzimmer der Macht erhält man, wenn überhaupt, erst wenn der letzte Rest von Menschlichkeit verhungert ist.
Was das alles mit dem Regenschirm bei Sonnenschein zu tun hat? Das Geschäftsprinzip einer Bank beruht darauf. Bei Sonnenschein verteilen Banken Regenschirme und wenn es regnet werden sie wieder eingesammelt. Die Profite werden gefrässig zusammengescharrt und die Betriebskosten und Unfälle zahlt die Gemeinschaft. In der Vergangenheit wie auch derzeit wieder. Wer wird die ständig wachsende Geldgier der Banken stillen, wenn die Bevölkerungen Europas durch Banken in die kollektive Pleite getrieben worden sind.

      (ein einziger Klick ermöglicht grosse Anblicke)



15. Mai 2013

Fotografie Ausstellung - Marubi in Ulcinj

Hier läuft die Radiosendung, die ich gestern am Abend verpasst habe - Nachtrock Nr.32...

Bereits im letzten Jahr habe ich auf die Fotografenfamilie Marubi hingewiesen. Im Rahmen eines Projektes zwischen der Fototeka Marubi in Shkodra (Skadar) in Albanien und der Stadtverwaltung in Ulcinj wurde gestern im befestigten alten Stadtkern eine Ausstellung mit historischen Fotografien eröffnet. Der dreigeschossige spätmittelaterliche Wohnturm wurde von der Stadt Ulcinj dafür zur Verfügung gestellt. Ein tolles Gebäude für Ausstellungen. Fenster gibt es lediglich im obersten Stockwerk. Aus einem dieser Fenster haben Besucher dieses Blogs schon einen Blick geworfen.
Ich hatte das Glück zur Eröffnungszeremonie eingeladen zu sein. Die Macher des Projektes haben mit Energie und viel Gespür gearbeitet. Ich kenne das Areal und den Turm schon seit einiger Zeit. Trotz der bescheidenen Mittel ist alles sehr schön geworden. Hinweisschilder weisen auf dieses Museum und das benachbarte ethnograhische Museum hin. Ansprachen der Honoratioren, Häppchen und Hochstimmung steigerten sich als der Projektmanager dem Bürgermeister den monströsen alten Schlüssel zur Eröffnung des Museums übergab.
Die Reproduktionen der Fotografien der Marubis, Shan Picis und anderer teilweise unbekannter Fotografen erlauben spannende Einblicke in lange vergangene Zeiten. Reproduziert wurden die Fotografien, weil einerseits die Originale hochempfindlich und sehr kostbar sind und so andererseits Vergrösserungen hergestellt werden konnten. Dadurch wird es Besuchern der Ausstellung möglich auch Einzelheiten auf den Fotografien besser erkennen zu können. Die Besucher waren ob der Qualität und Vielfalt der Exponate beeindruckt und vor etlichen sammelten sich Grüppchen und diskutierten die Details auf den Fotografien recht lebhaft.
Den Initiatoren und Mitarbeitern des Museums bleibt zu wünschen, dass auch während der kommenden Urlaubssaison viele Menschen die Gelegenheit wahrnehmen, dieses in seiner Art einzige Museum auf dem Schwarzen Berg zu besuchen und sich an den historischen Fotografien zu erfreuen.

     (1 Klick auf ein Foto und schon öffnet das Museum)



14. Mai 2013

Jahresurlaub - die Nachlese

Hin und wieder passt ein rauer Blues hervorragend. The Groundhogs - Thanks Christ for the Bomb (1970)...

Hier also die noch ausstehenden Nachrichten.
Nach den Erlebnissen und Erfahrungen in Bosnien standen einige entspannte Tage auf dem Programm. Ziel war die mittlere dalmatinische Küste. Ein kleines Dorf in der Nähe von Split. Split klingt aus langen Vergangenheiten nach. Eis am Stiel. Selten genossen, da 40 Pfennig seinerzeit ein bedenkliches Loch ins schmale Taschengeld rissen. Das Wetter hing ebenfalls nach. Mehr April als Mai. Jedoch der Ausblick war einnehmend.


Ganz in der Nähe liegt der Naturpark Krka. Bei entsprechendem Wetter bietet die geomorphologisch einzigartige Wasserlandschaft mit ihren unzähligen Wasserfällen, Stromschnellen, Katarakten und Rinnsalen ein Paradies für Fotografen (mit ND-Filtern). Beim Frühstück noch bester Sonnenschein, zog sich der Himmel zusehends zu und die Fotos vermitteln bestenfalls eine bescheidene Idee von der bezaubernden Schönheit bei prächtigem Wetter.




Erstaunlich, wieviele Menschen sich auch bei ungünstigem Wetter nicht von längeren Spaziergängen in strömendem Regen abhalten lassen. Das Kontrastprogramm dazu bilden Spaziergänge an den Klippen oder eine Fahrradtour im Hinterland. Überall blüht die Macchia, fleissige Hände bereiten die Weinstöcke vor. Verlassene Dörfchen in den Hügeln mit Blick auf die Adria. Das Leben ist karg für die wenigen, meist älteren Menschen, die hier oben aushalten. Hier sitzt eine Hundertjährige unter dem steinernen Vordach. Von drüben ruft ein verwitterter Alter seinen Morgengruss. Auf was mögen sie warten? Vornehmlich hat hier der Wind das Sagen.
 





Was bleibt nach dieser Reise wie auch nach allen anderen? Am Ende weiss man wiederum, dass die Erde rund ist. Die neuen Eindrücke vieler Bilder und Töne prägen sich ins Gedächtnis. Die feineren Nuancen - und häufig sind es gerade die wichtigeren - werden wie so oft verblassen. Wir haben uns daran gewöhnt, die starken Effekte in unseren Erinnerungsschatullen aufzubewahren. Die am Rande liegenden, die scheinbar belanglosen Alltäglichkeiten die uns in unserem Menschsein am ehesten vergewissern können, lassen wir ohne grosses Aufhebens dahin gleiten im Strom des Vergessens. Wir selbst berauben uns dieses unerhörten Reichtums.
Auf dem Rückweg hören wir davon, dass die bosnischen Serben unzufrieden sind mit den (serbischen) Serben und deren Verhandlungen mit Europa. Das Gerede um den Steuerbetrüger Hoeneß geht weiter. Wie schnell haben sich seine Kumpane von ihm losgesagt. Es ist immer das gleiche. Die halten zusammen in ihren Geschäften, weil sie alle ähnlichen Interessen folgen. Wird einer von denen erwischt und es lässt sich nicht länger vertuschen, dann wird er (oder sie) von ihresgleichen umgehend fallengelassen. Über die Situation in Syrien wird jetzt wohl auch auf internationaler Ebene gemeinsam verhandelt. Da hat ein grausamer Machthaber und gieriger Milliardär so lange an der Schraube gedreht bis keiner mehr zu ihm hält. Alles Alltag - wir sind wieder zuhause in der Dunkelkammer. Auf dem Schwarzen Berg.

13. Mai 2013

Aktuelles. (Liegengebliebenes wird nachgeholt)

Die letzte Runde der Missfits von 2004...


Wieder zurück auf dem Schwarzen Berg. Es regnet wieder. Die kleine Erkundungsreise schwingt noch nach. So sehr, dass einige Posts mitsamt den Fotografien ausstehen. Die nächste Party steht jedoch schon an. Und weil es eine besondere Bewandnis damit hat...
Eine Familie (W,M,w,w) feiert auf den Tag ihren hundersten Geburtstag. Da muss man erstmal drauf kommen. Ich wäre wahrscheinlich bereits an dem Schreiben des Programms gescheitert, das mir dieses Datum exakt ausrechnet. Je nun, die Leidenschaften sind unterschiedlich verteilt auf die Menschheit und das ist auch gut so. Die Hauptsache ist meines Erachtens, dass wir uns nicht an unseren Unterschieden festnageln, sondern uns auf die Gemeinsamkeiten im weitesten Sinne verständigen. In Fall des hundersten Geburtstages der befreundeten Familie war dies besonders einfach zu bewerkstelligen. Was vorher nicht zu ahnen war sorgte kurz nach der Begrüssung für besondere Augenweitungen. Sizilianische Spezialitäten, dass der Tisch sich bog. Leider sich auch die Plastikfolie, die über dem Garten ausgespannt war. Es goss aus Kübeln. Was auch Vorteile haben kann. Bei kühleren Temperaturen fällt das essen und trinken leichter.
Verschiedene frische Salate (Orangen-Fenchel ist mein Favourit), gegrillte Würste mit einem hauchzarten Lorbeeraroma. Die Verführung zur Masslosigkeit lockte von überall. Involtini, Pecorino (vom Schaf, wie sich das gehört), roter Wein zum köstlichen Gebäck mit einer Füllung aus Ricotta und zum Abschluss begleitete den leckeren Erdebeerkuchen der hausgemachte Limoncello (der schreit noch immer nach mehr!).
Verständlich, das durch derlei Ablenkungen einiges liegen bleibt. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben - versprochen. Das erste Foto belegt, dass wir nicht, wie manchmal vermutet, im Dauersonnenschein leben.

     (Foto anklicken macht Lust und Laune)







8. Mai 2013

Bauernregeln für Fotografen

Man gönnt sich sonst nichts weiter. Vorgestern hatten die Stones in Oakland ihren Auftritt mit Leuten wie Tom Waits oder Mick Taylor und seis nur für je ein Lied. The Rolling Stones - Live in der Oracle Arena, Oakland...

Ich habe gerade mit einem überaus netten Menschen einen Briefwechsel über die praktischen Seiten der Fotografie begonnen. Ich mag Merksprüche und Eselsbrücken solange sie lebenspraktisch und hilfreich sind. Aus diesem Grund und um auch anderen fotografierenden Besuchern meines Blogs eine Freude zu machen, habe ich in meinen alten Unterlagen gewühlt und bin tatsächlich fündig geworden. Die Merksätze sind Allgemeingut und inzwischen auch im Internet hier und da zu finden. Ich habe die meisten in der Foto-Drogerie (sowas gibts heute leider nicht mehr) meines Heimatkaffs aufgeschnappt. Es geht eben nichts verloren im Leben, auch wenn wir nicht immer alles abrufbereit haben.
Die folgenden Weisheiten sind natürlich keine absoluten Wahrheiten, aber wenn man die drauf und drin hat, kann man sie auch relativieren. Oder, um mit dem Fotografen Detlev Motz zu reden: "Wer als Anfänger die Gestaltungsregeln der Fotografie ignoriert, hat keinen Verstand. Wer sich aber fotolebenslang daran klammert, hat keine Phantasie."

Licht / Belichtung

- Zwischen elf und kurz nach drei haben Fotografen frei (weil schlechte Licht- bzw. Schattenverhältnisse).  

- Stehst du auf, früh am Morgen, wird die Sonne schönes Licht besorgen.

- Morgenstund hat Gold im Mund. (goldene Stunde!)

- Mit dem Licht im Rücken den Auslöser drücken.

- Vorder-, Ober-,  Seitenlicht, bringen Höhen und Tiefen ins Gesicht.

- Größere Brennweiten, kürzere Verschlusszeiten (sonst verwackelts leicht).

- Ob mit Cullmann, Gitzo oder Manfrotto, erst mit dem Stativ gelingt dein Langzeitfoto.


Blende / Blendenzahl

- Kein Blitz dabei? Nimm Blende zwei.

- Fast schon Nacht? – Blende 2,8.

- Nimmst du Blende 2,8 erscheint das Bokeh in wahrer Pracht.

- Für Mensch und Tier nimm Blende vier.

- Blende vier im Zimmer – stimmt (fast) immer.

- Wenn die Sonne lacht, nimm Blende acht.

- Mit ‘ner größeren Blende nimmt die Schärfe gar kein Ende (Gemeint ist die Blendenzahl).

- Ist die Schärfentiefe ranzig nimm doch Blende 22.

- Wenns Feuerwerk kracht nimm Blende acht.

- Ist das Makro Matsch und scheußlich nimm Blende 11 bis 32.


Bildkomposition (auch Objektive)

- Vordergrund macht Bild gesund. Mittelgrund tut Absicht kund. Hintergrund nicht kunterbunt.

- Der Amateur sorgt sich um die Ausrüstung, der Profi um das Geld, der Meister um das Licht.

- Komposition ist die Kunst des Weglassens.

- Änderst du deine Position, wirkt das Bild ganz anders schon.

- Ist der Hintergrund kunterbunt wird das beste Makro Schund.

- Sollen alle nach deinen Fotos schmachten, musst auf den Hintergrund du achten.

- Wenn du denkst du bist nah dran, geh noch einen Schritt näher ran.
  
- Unterm Knie schneide nie!
- Nase wie ein Schwein – nimms Tele oder lass es sein. (Für Portraits)

- Tolle Sache – vereinfache.


Fotos?
Ach so, für den Bloggerkollegen Zaphod, der neuerdings Herr über verschiedene Filter ist, als kleinen Anreiz nochmals einige verlängerte Wasserlandschaften. Aufgenommen zwischen 6:30 und 7:30 am Morgen *fg*.

     (Foto anklicken und gross gugge)





6. Mai 2013

Erlebnis Frühstück

Erschrocken starre ich auf das Cover. Dem Mann hätte ich diese Körperfülle niemals zugetraut. In meiner Erinnerung bleibt er wohl immer der Gitarrenzauberer aus dem Laurel Canyon von 1968.  Mick Taylor - Little Red Rooster (2001)...

Doors closing...  Ground floor...   Doors opening...
Ich finde es praktisch, dass es für Blinde endlich möglich wird, einen Aufzug auch alleine und ohne fremde Hilfe benutzen zu können. Für Sehende, die den Aufzug mehrmals täglich benutzen sind diese Ansagen natürlich eine Herausforderung für die ironisierende Kreativität.
Durch die kleine Aufwärmübung im Lift ist man gut vorbereitet für entsprechend kommentierende Beobachtungen im Frückstücksraum. Draussen auf der Terasse ist das schwieriger, weil die Brisen vom Meer die frühmorgendlichen kommunikativen Ergüsse an den Nachbartischen bruchstückweise verwehen. Da im Morgengrauen mittelschwere Gewitter niedergegangen sind, nimmt man das Frühstück heute drinnen ein. Obwohl und andererseits der Wind auch sein Gutes hat. Der erspart einem manche schwer verdauliche Wortsülze in Aspik. Das Hotel erfreut sich grosser Beliebtheit, denn es liegt zwischen zwei "Marinas". Liegeplätze (für Boote) nannten normal sprechende Menschen diese Lokalitäten bis vor wenigen Jahren noch. Marina ist für mich allerdings untrennbar mit Rocco Granata und seinem überaus erfolgreichen Lied von 1959. So ändern sich die Zeiten.
An diesen Bootsliegeplätzen haben offenbar auch viele Deutsche ihre Schiffchen vertäut. Pekuniär ist das sicher vorteilhafter als der Starnberger See und ausserdem hat man echtes Meerwasser unter dem Kiel. Und vom Süden Deutschlands aus ist man recht schnell im mittleren Dalmatien.
An einem der Nachbartische sitzen dem urigen Idiom nach zu urteilen drei oberbayrische Zweierbeziehungen mittleren Alters. Während ich mein Frühstück zusammenstelle, schnappe ich im Vorübergehen mehrfach die Fachsimpeleien der Herren auf. Als alles vor mir steht, was ich mir unter einem wohlschmeckend leichten Frühststück vorstelle, haben inzwischen die Damen das Wort ergriffen. Genderorientierter Schichtwechsel beim essen und trinken fällt mir spontan dazu ein. Die Damen fachsimpeln über anderes schwergewichtiges Thema. Vorwerk Haushaltsgeräte. Als eingefleischer Fan vom Kobold dieses Hauses sperre ich die Ohren auf. Ausserdem habe ich eine Schwäche für die Intonation sowie die grammatischen Fehlleistungen der Dialekte jenes "aufwieglerischen Gebirgsstammes am Nordrand der Alpen" (so der Brockhaus Mitte des 19. Jahrhunderts). Es geht um Teppichbürsten.
Das Ehepaar um die sechzig an einem anderen Tisch lenkt mich ständig ab. Sie reden nicht. Sie frühstückend vollkommen schweigend. Ein ganzes langes Frühstück lang. Das fiel mir schon gestern auf, besonders jedoch ein anderes. Der Körper der Frau bewegt mit äusserster Effizienz ausschliesslich die Teile, die zum essen, kauen und schlucken unabdingbar notwendig sind. Es scheint, ihre Handgelenke sind an der Tischkante angenagelt. Halt, nur das linke; der Nagel rechts geht wahrscheinlich weiter oben durch den Unterarm, dass sich das akkurat abgesägte Marmeladenbrötchenschnittchen mit der Gabel zum Munde führen lässt, ohne den Oberkörper unnütz nach vorn zu senken. In welchem Kurs erlernt man derlei Kunststücke?
Inzwischen gehts um Küchenmaschinen. Da habe ich wohl was verpasst oder falsch verstanden. Küchenmaschinen von Vorwerk? Die Frage wird mir aus dem Bewusstsein gewischt, denn nun beginnt eine kritische Würdigung, die stilistisch alle Stammesgrenzen sprengt, ja geradezu sich ins typisch deutsche Genörgel und Genöhle auswächst. Nach der Aufzählung der mannigfaltigen Vorzüge der Maschine, bei der letztendlich offen bleibt, ob es sich dabei wirklich um die Küchenmaschine oder das Selbstlob der Fähigkeiten der Hausfrau handelt, kommt der finale Blattschuss. Die gekochte, gemixte, gebackene, getrocknete, zerkleinerte, gedämpfte, gemahlene, verflüssigte, geschredderte und weiss der Geier noch alles Speise reicht nur für vier Personen. Also, die Maschine kann nur Essen für maximal vier Personen herstellen. Man könnte natürlich auch sagen, dass der Topf zu klein ist. Die Herren am Tisch schweigen. Die Sprecherin redet sich langsam steigernd in Rage. Ich beschliesse, sofort nach dem Frühstück jene mysteriöse Maschine zu recherchieren. Eine andere Frau versucht mit sanften Worten, das Gespräch zurück zu den Staubsaugern und ganz speziell auf Teppichbürsten zu bringen. Langsam mischt sich in meinem Kopf ein Bild zu einer gedämpften und geschredderten Teppichbürstencremesuppe. Die unbewegte Frau am Nebentisch zerkleinert inzwischen den erstklassigen Schafskäse mit ebenso leidenschaftslosem Gesichtsausdruck wie zuvor das Marmeladenbrötchen. Auf diese Reihenfolge kommen sicher nur Künstler durchfährt es mich. Ich bin satt und fröhlich.
Doors closing...   Thrid floor...  Doors opening...
In der Tat gibt es von vorerwähnter Firma jenes Küchenwundergerät für über tausend Eurotaler pro Stück. Ich suche auf der eigens eingerichteten Homepage, ob es nicht als Zubehör ein Gefäss für den grösseren Haushalt geben mag. Allein, die Firma will Interessierten nicht wirklich informieren sondern gleich den Vertreter ins Haus schicken. Das Thema ist damit für mich durch, denn erstens der Preis und zweitens eine der Lebensweisheiten meiner Urgrossmutter selig im Originalzitat: "Wer alles kann, kann garnix". Und wie klingt es so verheissungsvoll in der firmeneigenen Reklame: "Der XYZ kann alles - ausser kompliziert"
Na, da freue ich mich doch schon jetzt wieder auf den Klang des lieblichen Idioms mit all seinen weltbewegenden Themen am Nachbartisch morgen früh.

Allen Besuchern wünsche ich eine sonnige Woche.

Zum Foto: Oft im Leben sinds die kleinen Dinge am Rand. Gestern fand in Primosten das 1. Volksradfahren, eine locker familiäre Veranstaltung statt. Zum Start der Pedalisten spielte diese Band auf. Musik im Stil der 1970er Jahre. Anfang der 1970er Jahre um genau zu sein. Ich hätte mich dort gut zu einem ausgedehnten Frühschoppen niederlassen können. Die Band hatte keinen Namen, aber der Fender Bassman auf der Bühne erinnerte mich an alte Zeiten. Das kleine Glück auf einem Dorfplatz.

5. Mai 2013

Uraltes Wehen vom Meer

Wenn sich der Pappenheimer in meinem Blog bedient, dann hat er bestimmt nichts dagegen, dass ich auch bei ihm Probierhäppchen zu mir nehme: Burhan Ocal & Trakya Allstars - Kirklareli Il Siniri (2003)...

Nach unserer kleinen, aber sehr erlebnisreichen Fahrt durch Bosnien brauchen wir zwei, drei Tage damit sich das Gesehene und Gehörte setzen kann. Wir freuen uns, dass wir ein nun wenig mehr wissen und verstehen von den merkwürdigen Entwicklungen und Verhältnissen. Wir danken den Menschen, denen wir begegnet sind und die unsere Fragen nicht unbeantwortet liessen: Der Taxifahrer, der als 19-jähriger Soldat wurde in Sarajevo. Die alte Frau in Počitelj. Die Rezeptionistin, die 1992 als 17-jährige von ihren Eltern nach Deutschland in Sicherheit geschickt worden ist. Der Sohn der Familie Kolar, in deren Keller sich einer der Tunnelausgänge befindet.

Anbei einige relaxte Fotos mit schönen Grüssen für den Herrn Zaphod zur Anregung. Und allen anderen Besuchern einen schönen Sonntag.

     (Klicken macht die Fotos noch grösser)


 


4. Mai 2013

Merkwürdiges Mostar

Josef Hader. Kabarettist. Scharfzüngig, wortgewaltig und bildmächtig. Danach Poetica Magica - Minne Mystic Meistersang (1994). Mit einem Gruss an den Riffmaster...

Von Sarajevo fahren wir nach Mostar. Mostar liegt in einem Kessel. Neun Monate belagert, geschätzte hunderttausend Granaten wurden von den Bergen ringsum in die Stadt gefeuert. Das Zentrum um die berühmte Brücke ist weitgehend restauriert. Viele Menschen schieben sich durch die schmalen Gassen. Wir beziehen unser kleines Hotelzimmer und fahren nach dem ersten Eindruck gleich weiter nach Počitelj. Die alte Festungsstadt Počitelj liegt hoch über dem Fluss. Wir machen einen Rundgang. Ein ältere Frau hat ihr Hoftor offen. Als sie uns sieht, bietet sie uns Tee an. Wir sitzen in ihrem Hof und reden ein wenig dies und das. Besichtigen die Moschee. Und essen danach gut.
Zurück nach Mostar. Und nun in Stichworten. Das passt zum Ambiente und zur Atmosphäre.
Drosselgasse, Malle oder Meile auf St. Pauli - ganz wie du willst. Menschenmassen in den schmalen Gassen schon in der Vorsaison. Mädels preisen Restaurants und Übernachtungen an. Alles strömt zu und von der Brücke mit den gefährlich glatten Steinen. Tausende Fotos täglich. Die noch immer zerbombten Gebäude ausserhalb des Touristenwalks. Fast Food und chinesischer Plastikschund. Die Burschen auf der Brücke springen für 30 Eurotaler in den erbärmlich kalten Fluss. Die Kneipe "Marshall" [Tito] mit der Musik aus den 70er Jahren. Männer um die fünfzig, denen man auch jetzt noch eine bessere Vergangenheit wünscht.
Wenn die Busse, Motorräder und Reisemobile wieder weg sind in der Dämmerung sieht die wiederaufgebaute Brücke wunderschön aus und lässt den ehemaligen Glanz und die Würde dieser Stadt erahnen.

     (Foto anklicken und gross gugge)







2. Mai 2013

Rettung durch den Tunnel

Wortgewaltige Texte mit Musik: Prinz Pi - Kompass ohne Norden...

      (Klick auf ein Foto öffnet die Galerie)
   Blick zum Flughafen und Richtung Stadt
   Karte. Der Flughafen bzw. die Landebahn ist rot markiert
   Das Haus der Familie Kolar mit dem südlichen Tunneleingang
   Blick in den Tunnel
   Geräte für den Transport im Tunnel
    Das "Gelbe Hotel" während der Belagerung...
   ...und heute
   Veteran
Als der Flughafen von Sarajevo zwischen den Vereinten Nationen und der bosnisch-serbischen Armee 1992 verhandelt worden ist, wurden die zivilen Bewohner der Stadt vergessen. Von da an wurde von serbischen Scharfschützen auf Bewohner geschossen, die aus der Stadt über die Landebahn in das erweiterte bosnische Territorium fliehen wollten. Elektrizität, Wasser und die Lebensmittelversorgung kam langsam zum Erliegen. Mutige Menschen kamen in dieser Situation auf die Idee, einen Tunnel unter der Flugbahn hindurch zu graben. Ca. einen Meter breit, 1,60 Meter hoch und knapp 800 Meter lang. Durch diesen Tunnel konnte die Stadt versorgt werden. Anfangs mit Waffen und Lebensmitteln, später auch durch eine kleine Pipeline und eine Starkstromleitung mit Benzin und Strom. Dennoch war das Leben in Sarajevo während der 1425 Tagen der Belagerung die Hölle. Es war die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert. In besetzten Häuser lagen Heckenschützen (Snipers) auf der Lauer, um auf Menschen zu schiessen, die ihre Wohnungen verliessen, um Wasser, Lebensmittel, Brennstoff oder Medizin zu besorgen. Die grosse Verbindungsstrasse vom Flughafen in die Innenstadt bekam den Namen Sniper Alley. Das "gelbe Hotel" beherbergte die internationalen Journalisten und Gäste während dieser Zeit. Gegenüber des Gelben Hotels (Holiday Inn) ist heute ein historisches Museum eingerichtet, das in eindrücklichen Zeugnissen, beklemmenden Bildern und unglaublichen Artefakten vom Leben während der Belagerung informiert. Das Foto des beschossenen Holiday Inn ist nicht von mir! Den Fotografen konnte ich nicht ermitteln.
Mein Bericht für diesen Post war eigentlich länger, meine Ergriffenheit will ich mir jedoch leisten. Stattdessen empfehle ich  interessierten Besuchern meines Blogs den Dokumentarfilm von Arte anzuschauen, der bei youtube in vier einzelne Teile gegliedert ist.